Theobald Fleischer balancierte auf der Trittleiter und vor lauter Schmuckketten und Lampions konnte man ihn nur erahnen. Mit seinen Zähnen hielt er eine Girlande von der einen Seite, mit der rechten Hand von der anderen Seite und in der Linken befanden sich zwei dieser Lampions mit Glühbirnen drin. „Ja, ja, Christine, ich weiß, dass ich mit 72 Jahren nicht mehr auf Leitern herumklettern sollte. Aber was ist dein Geburtstag ohne Schmuck und Tam, Tam? He? Siehste, da fällt dir auch nichts mehr zu ein.“
Wie in jedem Jahr dekorierte Theobald auch in diesem Frühjahr die Wohnung und putzte sie auf das Feinste heraus. Kunterbunt sollte das kleine Zweizimmer-Heim aussehen. So wie es seine Tine liebt. Seine siebte Null wurde auch groß gefeiert. Erst in allerkleinsten Kreis mit Christine und dann mit riesig viel Wirbel und unendlich vielen Gästen. Zusammen mit ihr hat Theobald am selben Tag Geburtstag. Damals, auf seinem Siebzigsten, war seine Traumfrau etwas ins Hintertreffen geraten. Und das wollte er in diesem Jahr wieder gut machen. „Nein, nein und nochmals nein. Du kennst meine Meinung zu echten Kerzen in Haushalten von senilen älteren Leuten. Ich hänge wieder die Lichterkette mit den Herzen auf. Das ist viel ungefährlicher. Dir zu Liebe stelle ich noch ein paar Teelichte auf den Tisch. Aber das muss dann reichen. Und damit Basta!“ Theobald zwinkerte belustigt und machte sich erneut ans Werk. Nur eine halbe Stunde später kletterte der alte Herr mehr oder weniger geschickt von der Leiter und betrachtete seine Kunst. Es war wirklich kunterbunt. Aber was tat Mann nicht alles für das geliebte Weib. „Tinchen, das habe ich mal wieder richtig gut hinbekommen. Vor allem ganz ohne Knochenbrüche.
So, nun wollen wir mal schauen, wer denn alles unseren Geburtstag vergessen hat. Der Postberg ist ja nicht gerade riesig. Hier eine Karte von Carmen und Falk aus Mi-a-mi. Wusstest du, das die Kinder Urlaub in Amerika machen? Und schau mal, Cleo hat ein Bild für uns gemalt und es unterschrieben. Unsere Enkelin ist bestimmt ordentlich gewachsen seit dem letzten Mal. Seitdem die drei in Kanada leben, haben wir nicht mehr so viel von ihnen. Aber vergessen tun sie uns nicht, wie dieses mittelschwere Paket wohl zeigt. Oha, meine Schwester lebt auch noch. Natürlich kann sie nicht kommen, weil sie mit ihrem Altenclub mal wieder irgendwo unterwegs ist. Das ist natürlich wichtiger, als mit uns Geburtstag zu feiern. Ich deute es mal als ihre Art Optimismus. Vielleicht glaubt sie ja noch ein paar Geburtstage mitfeiern zu können. Schau mal, sogar die Johanniter haben eine Karte geschickt: ...wünscht Ihnen das Pflegeteam der Johanniter. Na, wenn das nicht eine nette Geste ist. Erinnere mich doch bitte daran, dass ich dem Zivi morgen was zustecke, wenn er kommt. Hahaha, dein Bruder hat auch geschrieben. Naja, geschrieben ist übertrieben. ...Alles Gute, Kurt. Kurz, knapp, und präzise. So wie wir ihn kennen und lieben. Da hätten wir noch die Bank, Frau Heitmann von der Leuschnerstraße, den Pfarrer und..., ach was, der alte Halunke meldet sich auch noch mal. Kannst du dich noch an Gustav erinnern, meinen alten Klassenkameraden? Der hat uns eingeladen nach St. Peter Ording. Mannomann, von dem haben wir doch jetzt bestimmt fünf Jahre nichts mehr gehört. Oh, schon so spät, jetzt aber ran, wenn wir gleich essen wollen muss ich wohl jetzt Gas geben, oder wie würde Cleo sagen -Opa macht jetzt Äktschen.“ Theobald Fleischer verschwand in der Küche.
Es klapperten Topfdeckel und Bestecke. Zurück in das Wohnzimmer kam er mit zwei hübsch dekorierten Tellern und einem Saucenrand um den Mund. Genüsslich leckte er sich diesen ab: „Das schmeckt schlichtweg lecker. Hast du ein Glück, dass ich zum Hausmann geboren bin und so gut kochen kann. Wenn es auch nur noch für solche Festlichkeiten reicht. Jetzt noch schnell ein Bad für meine müden Knochen und dann können wir die Feier einläuten. Sei schön artig, Papa Theobald kommt gleich wieder. Und nicht in die Töpfe gucken. Der alte Mann schlurfte ins Bad und ließ sich Badewasser ein. Das Radio war zu hören und er pfiff in den schiefsten Tönen, die sich ein Mensch vorstellen kann, ein fröhliches Happy Birthday. Eine dreiviertel Stunde später kam ein frisch gebadeter, glänzender Herr aus dem Bad. Das teure After-Shave, das ihm seine Frau zum Siebzigsten schenkte, ging ihm wie eine Wolke voraus und in den Händen trug er unendlich viele Blumen.
Immer wieder ging er zurück ins Bad, um einen neuen Blumenstrauß mit heraus zu bringen. Tulpen, Rosen, Gerbera, Fresien und vieles mehr, lustig sortiert und zusammengebunden. Dies war sein Geburtstagsgeschenk für seine Christine. Denn seine Partnerin liebte nichts mehr als eine Wohnung voller Blumen und Pflanzen. Sie sammelte leidenschaftlich Vasen, und Theobald sorgte stets dafür, dass sie zumindest einmal im Jahr alle gefüllt wurden. So tat er es dann auch. Insgesamt 25 Behältnisse standen am Ende durch die ganze Wohnung verteilt. Und jeder Strauß war anders. Wie immer lief diese Zeremonie nicht ohne Dank an die Jahreszeit ab. Hätten die Beiden im Winter Geburtstag, dann hätte Theobald Fleischer ein arges Problem. Schließlich marschierte Herr Fleischer in die Küche. „Mein Schatz, nimm Platz, ... Oh, das reimt sich sogar. Es wird angerichtet“. Auf den liebevoll gedeckten Tisch platzierte er dampfende Schüsseln und Saucieren. Es roch nach Rheinischem Sauerbraten mit Kartoffelklößen, Erbsen mit Möhren. Es roch einfach köstlich und es schmeckte wohl auch so. Theobald hörte erst auf zu Essen, als er wirklich nicht mehr konnte. „Ich bin satt. Jeder weitere Bissen wäre Körperverletzung. Aber ein Schnäpschen, das könnte jetzt nicht schaden, oder? Nein, keine Angst, es bleibt wirklich nur bei dem einen Körnchen.“ Er räumte den Tisch ab. Zwischendurch klingelte noch zwei oder dreimal das Telefon und er nahm die Glückwünsche der Freunde bereitwillig und freudig entgegen.
Langsam ging der Tag vorüber. Theobald spielte noch ein wenig auf seiner Mundharmonika, nahm dann das Bild von seiner Christine vom Esstisch, ging sich umkleiden und legte sich in das viel zu große Doppelbett. Ein letztes Mal für diesen Tag warf er einen liebevollen Blick auf das Bild, das er auf dem Nachtschrank abstellte. Happy Birthday Kleines, und gute Nacht.
Januar2002; bigi Schulz