Manchmal kommt einem das Leben so dunkel vor. Alles liegt in einem grauen Schleier, man sieht die Hand vor Augen nicht. Das Innere liegt und wiegt schwer, zementschwer und man glaubt keinen Schritt weiter nach vorn zu kommen.
Beate saß wiedereinmal an ihrem Fenster und starrte hinaus in die Finsternis. Der Mond schien blass, aber stark genug, um den großen Kastanienbaum als schwarze Silhouette hervorzuheben. Es war Winter und die junge Frau hasste diese Jahreszeit. Der Winter war kalt und in dieser Region immer verregnet und vermatscht. Beate konnte sich nicht daran erinnern, in den letzten zwanzig Jahren eine weiße Weihnacht erlebt zu haben. Und selbst wenn, sie war eben ein Sommermensch. Sie brauchte die Wärme, die Sonne und all die Düfte, die diese Jahreszeit mit sich brachte. Aber es war Winter.
Beate fror und holte sich die Decke vom Bett, um sich dann wieder auf die hölzerne Fensterbank zu setzen. Sie starrte hinaus, in den Wipfel des kahlen Kastanienbaums, dessen schwarze Silhouette sich vom Grau der Nacht abhob.
Manchmal kommt einem das Leben so dunkel vor. Beate weinte. Sie hasste es. Sie hasste diese düsteren Stimmungen und dieses Gefühl der Einsamkeit. Sie vergrub ihren Kopf in ihren beiden Händen. Vorsichtig streichelte sie ihre kahle Kopfhaut. Ihre Hände wanderten zwei-, dreimal über den Schopf, auf dem vor wenigen Monaten noch schulterlange blonde Haare vor Kälte und mitleidigen Blicken schützten. Beate strich sich über das Gesicht und wischte ihre Tränen fort.
"Hey Baum!!! Sag, wieso verzweifelst du nicht? Was macht dich so stark, dass du diese beschissene Zeit kahl überstehst? Woher nimmst du die Kraft, jedes Jahr aufs Neue dem Winter zu trotzen? Wie heißt das Geheimnis, das dich leben lässt?" Beate hielt ihre Tränen nicht mehr zurück. Fest presste sie die Decke an sich und mit ihr den kleinen Stoffbären, der einst aus Plüsch, mittlerweile schon recht verfilzt, diese Attacke der Verzweiflung, wie immer still und geduldig über sich ergehen ließ.
"Brauchen Sie noch etwas Frau Klammer? Vielleicht etwas zum Schlafen?" Die Stimme der Krankenschwester, sie aus dieser Gegensprechanlage kam, klang blechern und distanziert.
"Nein, Danke", antwortete Beate tonlos, "Und das, was ich brauche, haben Sie nicht in ihrem Giftschrank."
"Na dann gute Nacht Frau Klammer. Und... - ...frohe Weihnachten – trotzdem."
Beate sah den Schatten der Nachtschwester im Nichts der Dunkelheit verschwinden.
Die Fassung der jungen Frau schwand gänzlich. Voller Wut blickte sie auf den Perfusor, der ihr früher oder später das Leben wieder schenken sollte. Wenn der Krebs es ihr nicht vorher nehmen würde. Wieder schaute sie in den Baum. Beate dachte an ihren Schatz, mit dem sie dieses Jahr Weihnachten verbringen wollte. Sie dachte an all die schönen Momente, die Zärtlichkeiten und Worte. Und sie dachte, dass sie das vielleicht nie wieder würde erleben können. Sie hasste sich und all die Zeit, die sie mit Angst und Nicht-Vertrauen-Können davon abgehalten hatte, dem ihr liebsten Menschen Liebe wirklich zu zeigen. Liebe leben und das Leben lieben – all das schien in diesem Augenblick auf der Fensterbank soweit weg.
Beate sah ihr Handy aufblinken und schnurren. Sie nahm es auf, um die eingegangene SMS abzurufen:
"Mein Schatz, schau mal in Himmel. Siehst du den Regenbogen zwischen den Sternen? Hab ihn für dich mit meiner Liebe gemalt. Ich bin bei dir. Ich liebe dich."
Erneut wischte sich Beate die Tränen aus dem Gesicht und wirklich, durch das Glas der Scheibe und ihre Tränen sah es so aus, als wäre dort ein Regenbogen zwischen den Sternen. Die schwarze Silhouette des Kastanienbaums wog sich im Wind und Beate hörte eine Stimme:
"Das Geheimnis heißt Liebe. Dies sind Momente im Licht"